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Lea Rossi
... beim Weihnachtschor im Postauto
Der Nachmittag begann wie viele andere: «Mama, hast du meine Klaviernoten?» Meine Tochter Leonie hüpfte wie ein Schneehase durch den Flur. Es blieben noch fünf Minuten, bis das Postauto fuhr, das uns zu Leonies Klavierlehrerin bringen sollte. «Ja, ich habe die Noten. Beeil dich!», antwortete ich.
Kurze Zeit später sassen wir im wohlig warmen Postauto. Naserümpfend schimpfte Leonie über die «megalangweiligen Weihnachtslieder», die sie in den letzten Tagen hatte üben müssen. Ja, sie liess aus Protest sogar ein paar Notenblätter auf den Boden segeln.
Noch bevor ich schimpfen konnte, hob ein Mann mit beachtlichem Körperumfang die Blätter auf, und – statt sie Leonie zurückzugeben – betrachtete er das oberste Notenblatt, um im nächsten Moment «O du fröhliche» anzustimmen. Und wie! Seine Stimme füllte das ganze Postauto bis in den letzten Lüftungsschlitz. Die anderen Fahrgäste waren mucksmäuschenstill, nur eine ältere Frau keifte: «Ich gebe kein Geld», was Leonie mit einem bestimmten «Pssst!» quittierte. Als der Sänger fertig war, klatschten einige Fahrgäste zaghaft in die Hände. Der Mann bedankte sich auf Wienerisch und erklärte, dass er heute Abend für einen erkrankten Kollegen am Opernhaus Zürich einspringen müsse und wegen einer Autopanne kurzerhand aufs Postauto umgestiegen sei. Jetzt klatschten plötzlich alle Fahrgäste in die Hände und forderten lauthals eine Zugabe. Und wie schön war es, als der Startenor selbstlos einen Kanon anstimmte und plötzlich das ganze Postauto «Kommet, ihr Hirten» sang. Sogar der Fahrer pfiff fröhlich mit, wenn auch nicht ganz im Rhythmus. Bevor wir aussteigen mussten, schrieb der Startenor Leonie eine Widmung auf ihre Klaviernoten.
Am Abend erzählte Leonie Bruno, der Opernstar sei ihr total dankbar gewesen, dass sie ihr Notenheft mit den «coolen» Weihnachtsliedern dabei gehabt hätte. Und überhaupt sei Klavierspielen «mega», vor allem wenn sie später Opernstars auf dem Klavier begleiten werde.
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