Lea Rossi

... und der erste Schnee

Das Unheil war absehbar! Damit meine ich Brunos plötzliches Unwohlsein, nicht den überraschenden Schneefall von gestern Nacht. Natürlich gab Bruno die Schuld nicht sich, sondern meinen Dinkelbratlingen, die er gestern kurz vor Mitternacht allesamt verspeist hatte. Das war wohl zu viel des Guten. Jetzt hielt er sich den Bauch und jammerte. Ich riet zu Kamillentee und machte mich schleunigst auf den Weg in die Küche. Schliesslich musste ich um 7.45 Uhr meine Ferienvertretung in der Praxis von Doktor Kägi antreten. Und die Praxis ist in der Stadt. Und draussen lag Schnee.

«Wie schön», dachte ich und beobachtete die ruhige Strasse, auf der für einmal kein Auto schneller als Schritttempo fuhr. Um Punkt 7.02 Uhr stand ich an der Haltestelle. Doch weit und breit war kein gelbes Postauto zu sehen. Mist! Zehn Minuten später begannen die ersten Pendler, nervös nach ihrem Mobiltelefon zu suchen. Ob ich auch telefonieren sollte? Plötzlich kam Bruno die Strasse entlang gekrochen. «Zum Glück», ächzte er, «du bist noch da. Ich muss dringend zu Doktor Kägi. Mein Bauch...» Ich überlegte gerade, ob Kinderarzt Kägi die richtige Adresse für Brunos Leiden war, da kam das Postauto. Bruno stürmte als Erster hinein und legte sich ächzend auf die hinterste Sitzreihe.

In der Praxis angekommen, entschuldigte ich mich für die Verspätung. «Halb so schlimm», sagte Doktor Kägi und nahm sich sofort meines Ehemanns an. Doktor Kägi verfügt über heilende Hände. Ich hatte es schon immer geahnt. Denn nach kurzer Zeit schien es Bruno wieder blendend zu gehen. Ich hörte, wie er zu Doktor Kägi sagte, der Schneefall habe ihm das Leben gerettet. Dadurch habe er das Postauto noch erwischt und sei rechtzeitig zum Arzt gekommen. Na ja, ganz so dramatisch war es wohl nicht. Aber manchmal kann eine Verspätung eben auch ihr Gutes haben.