Wilder Westen

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Freigeister, Canyons, Pferdeherden – die Freiberge zwischen La-Chaux-de-Fonds und Doubs sind die eigenwilligste Region der Schweiz.

Schüsse? Die Bahnreisenden drücken ihre Nasen an die Fenster. Nichts als Weiden und Wälder. Noch ein Knall! Der Lokführer schiebt Kohle nach. Volldampf voraus. Plötzlich schreit ein Kind auf. Da kommen doch tatsächlich vier Banditen angeprescht! Auf schnaubenden Rössern. Mit rauchenden Colts.

Tönt wie Wilder Westen, ist Schweizer Jura. Die Freiberge sind der Wilde Westen der Schweiz. Nicht nur wegen der Zugüberfälle, die sich regelmässig auf der Bahnstrecke zwischen Glovelier und Saignelégier ereignen und ein beliebtes Touristenspektakel darstellen. Es sind vor allem die hier eimischen «Siedler» und Pferde, die Westernphantasien aufkommen lassen. Und natürlich die wilde Landschaft inklusive «Canyon», dem Doubstal.

Klein, wuchtig und mit stolzem Haupt – so präsentieren sich die Freiberger, die einzige Schweizer Pferderasse. Jahrhundertelang lang dienten sie Bauern als Ackergäule und der Schweizer Armee als Last- und Reitpferde. Heute sind sie die Touristenattraktion der Freiberge. Auf den hier typischen Wytweiden – einer Mischform aus Wald und Wiese – grasen sie oder dösen im Schatten jahrhundertealter Baumriesen. Zumindest wenn sie nicht gerade Banditen oder Touristen auf dem Rücken oder in der Kutsche sitzen haben. Schliesslich sind die Vierbeiner die perfekten Touristenpferde: sanft, ruhig und geduldig.

Das sind Charaktereigenschaften, die für Freiberger Zweibeiner eher untypisch sind. Der 37-jährige Jérôme Rebetez aus Saignelégier auf jeden Fall ist ein aufbrausender Regelverächter, ein «Outlaw», der im Wilden Westen jedem Sheriff den Schlaf geraubt hätte. Mit kindlicher Freude erzählt der Gründer der berühmten Brasserie des Franches-Montagnes (BFM), wie er neulich erstmals ein Bier nach Reinheitsgebot gebraut hat, nur um sich über die Konventionen der Bierindustrie lustig zu machen. Sein Motto: «Ich brauche keine Verbote, um gutes Bier zu brauen.» Der Erfolg gibt ihm recht: Eben erst wurde eines seiner Starkbiere von der New York Times zu einem der besten Gerstensäfte der Welt gewählt.

Wer kein Ross dabei hat, dem empfiehlt sich von Saignelégier aus die Weiterreise mit dem Postauto. Zum Beispiel Richtung Goumois, dem Grenzdorf am Doubs. Vom Hochplateau der Freiberge geht es 500 Höhenmeter rasant hinab bis zur Haltestelle «Goumois, Tournant Theusseret». Von hier ist es nicht weit zur Auberge du Theusseret, einem märchenhaften Gasthof direkt am Doubs. Bis ins 19. Jahrhundert diente das 1730 gebaute Haus als Mühle, später als Herberge für Schmuggler, heute für Naturromantiker. Wie Schaukästen geben die Fenster des Restaurants die Sicht auf den Doubs frei: Hallo Eisvogel, buon giorno Herr Reiher, bonjour Forelle! Letztere befindet sich wohl gemerkt mit einer herrlich sämigen «Sauce du Theusseret» auf dem Teller. Das Rauschen des Flusses betört die Sinne. Träume erwachen. Zeit zu ruhen. Morgen soll es weitergehen: durch den mit Moosen und Farnen bewachsenen Urwald den «Canyon» hinauf bis auf die Felskette «Les Sommêtres», den schönsten Aussichtspunkt der Freiberge. Heimische Bergsteiger haben hier eine Hütte direkt auf den Grat gebaut. Vom Grillplatz steigen Rauchzeichen in den Himmel: Die Freiberge sind der Wilde Westen der Schweiz!