Wasserkraftort

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Nirgends in der Schweiz bieten Natur und Technik ein eindrücklicheres Schauspiel als im Grimselgebiet (BE). Gigantische Staumauern halten hier die Wassermassen im Zaum.

Auf knapp 2000 Metern kommt das Wetter häufig nicht von oben, sondern von der Seite. Eine mächtige Wolke rollt über den Grimselsee, verhüllt erst den Blick aufs Juchlihorn und Sekunden später die Sonnenterrasse des Grimsel Hospizes. Hatten die Touristen eben noch das Naturschauspiel bewundert, kramen sie nun eilig ihre Jacken aus dem Rucksack – da bricht auch schon wieder die gleissende Sonne durch.

Eigentlich verblüffend, dass in dieser unwirtlichen Gegend ein Hotel steht. Da sind Besucher richtig froh, dass die Blechdächer und das Mauerwerk gemäss einem Chronisten 1932 so peinlich genau gefertigt wurden, dass auch «die ungeheure Windstärke des Hochgebirges» keinen Regen und Schnee durch die Fugen treibt. Spätestens seit dem Umbau 2009 ist das Grimsel Hospiz eine echte Trutzburg des hochalpinen Komforts: Die Zimmer sind stilvoll möbliert, das Essen sorgfältig zubereitet, der Weinkeller reich bestückt. Ein Wohlfühlort inmitten einer Landschaft, deren Wachtürme so kuschelige Namen wie Finsteraarhorn (4274 m) und Schreckhorn (4078 m) haben.

Bäume gibt es hier freilich keine mehr. Nur mit Flechten bewachsenen Granit, Buschwerk und als Zeugen kühner Baukunst: Staumauern. Mit ungeheurer Kraft stemmen sie sich zwischen die Bergflanken und halten hier am Grimselsee gegen 100 Millionen Kubikmeter Wasser im Zaum. Sollten in ferner Zukunft Ausserirdische unsere Welt erkunden, so werden sie staunend zur Kenntnis nehmen: Hier war der Mensch.

Die Stauseen machen das Grimselgebiet zu einem Kraftort – nicht im esoterischen Sinn, sondern ganz real. 200 Millionen Kubikmeter Regen- und Schneewasser fangen die acht  Stauseen der Kraftwerke Oberhasli AG (KWO) jährlich auf, potentielle Energie, die zum ökonomisch richtigen Zeitpunkt zum Treibstoff für 26 Turbinen mit 26 Generatoren wird. Aus Wasser, Fallhöhe und Maschinentechnik entsteht Spitzenstrom für rund eine Million Menschen im Jahr. Diese Metamorphose verläuft tief im dunklen Erdreich. Wie schön, dass die KWO ihre finsteren Stollen, mächtigen Maschinen und die 1974 entdeckte Kristallkluft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben.

Der Trumpf des Grimselgebiets aber bleibt die Landschaft. Noch bevor diese «industrialisiert» wurde, kamen ihrer wegen die Alpinisten – seit 1921 meistens mit dem Postauto.

Heute müssen die Postautos an schönen Sommertagen gleich im Konvoi anrücken, so viele Naturliebhaber zieht es Richtung Grimsel. Sie wandern auf dem Säumerpfad, klettern an der Granitwand «Eldorado», rasten im Hospiz oder im Berghaus Oberaar oder steigen hinauf zum Gelmersee, um anschliessend mit der steilsten Standseilbahn Europas, der Gelmerbahn, wieder ins Tal zu gleiten.

Wenn die Sonne abends hinter Schreck- und Finsteraarhorn verschwindet, wird es rasch kühl. Die kleine Kapelle des Grimsel Hospizes bimmelt. Zeit, sich vom Naturspektakel zu verabschieden und den Abend mit einem feinen Essen und einem Rotwein aus dem Felsenkeller des Hospizes zu beschliessen. Es heisst, der Wein altere in dieser Höhe besonders gut.